Grippenspiel
Köln, 27. Oktober 2009Weil das H1N1-Virus grassiert, sorgen sich viele US-Hochschulen um ihre Studenten. Überraschend lebensnah sind ihre offiziellen Schweinegrippe-Warnhinweise: Haschpfeifen soll man nicht teilen. Und bitte keine Trinkspiele!
Beer Pong kann wirklich ein Segen sein, gerade an tristen Oktoberabenden in der amerikanischen Provinz. Besonders unter Studenten ist dieses Trinkspiel populär: Plastikbecher werden dabei im Raum aufgestellt und mit Alkoholika gefüllt; dann werfen oder spucken die Kontrahenten Tischtennisbälle in Richtung Becher. Wer nicht trifft, muss austrinken, im Erfolgsfall muss der Gegner ran. Man kann sagen: Wenn man sehr viel Langeweile hat und ein Besäufnis mit sportlichem Ehrgeiz verbinden möchte, ist Beer Pong genau das Richtige.
So dachten kürzlich offenbar auch Studenten einer Fachhochschule in der Kleinstadt Troy an der US-Ostküste. Das Problem: Ein paar Tage nach ihrem Beer-Pong-Abend litten 21 Teilnehmer an H1N1, in Deutschland besser bekannt als Schweinegrippe. Wie es scheint, sorgt das lustige Kneipenspiel nicht nur für viel Spaß – sondern auch für eine optimale Verbreitung von Viren in den Bierbechern.
Um die Krankheit auf dem Campus einzudämmen, hat die Hochschulleitung nun eine Reihe von Ratschlägen erarbeitet. Auf Flugblättern wird den Studenten nicht nur regelmäßiges Händewaschen ans Herz gelegt. Vor Trinkspielen à la Beer Pong wird ausdrücklich gewarnt. Nicht aus Angst vor Alkoholvergiftungen und Autofahrten im Vollrausch wie sonst – sondern wegen der Gefahr einer Krankheitsübertragung. "Alkohol tötet die Viren nicht ab!", heißt es. "Was am Wochenende noch Spaß macht, ist nicht mehr lustig, wenn Sie oder Ihre Freunde krank werden und dann Unterricht oder Zwischenprüfungen verpassen."
Einer Sprecherin der Hochschulleitung in Troy scheint das alles unangenehm zu sein. "Wir sind mit Sicherheit nicht die Einzigen, die mit Grippefällen zu kämpfen haben", sagt Gabrielle DeMarco. "Wir wollen nur ehrlich mit unseren Studenten umgehen. Viele Hochschulen im Land sind betroffen." Das stimmt: Allein in der vergangenen Woche wurden 6000 neue Fälle gemeldet; in den letzten zwei Monaten haben sich etwa 40 000 Studenten mit H1N1 infiziert.
Offensichtlich bietet die studentische Lebensart guten Nährboden für die Schweinegrippe.
Das Virus tritt allerdings nicht überall gleich häufig auf. Derzeit sind vor allem Hochschulen an der Ostküste betroffen. Aus dem mittleren Westen und den Rocky Mountains werden ebenfalls steigende Krankenzahlen gemeldet. Zum Glück verläuft die Mehrzahl der Erkrankungen glimpflich. Nur vereinzelt müssen Patienten ins Krankenhaus.
Dass Studenten besonders grippegefährdet sind, glaubt auch James Turner. Der Medizinprofessor an der Universität Virginia ist zugleich Präsident der American College Health Organization. Er macht sich Sorgen um Studenten, "weil sie sich häufig in Gruppen treffen, sei es in Bars, Kneipen oder Wohnheimen". Wilde Partys, auf denen gekifft wird und sich Menschen, nun ja, näher kommen, sind für Viren ein Paradies.
Deshalb wird Turner deutlicher, als das in offiziellen Statements sonst üblich ist. Sein Appell an die Studenten: "Teilen Sie weder Wasser- noch Marihuana-Pfeifen mit anderen Menschen!" Und fast flehend fügt er hinzu: "Bitte küssen Sie nicht viele Leute an einem Abend!" Dass seine Bitte erhört wird und nun alle Kiff-, Trink- und Knutschpartys ausfallen, daran glaubt Turner vermutlich selbst nicht – deshalb setzt er auf Impfungen. "Die aktuelle Welle wird bereits abgeflaut sein, bevor es genug Impfstoff gibt. Deshalb ist es in den kommenden Monaten wichtig, möglichst viele Studenten zu immunisieren, bevor die nächste Welle kommt."
Vermutlich hat der Mann recht: Schließlich wächst in der kalten Jahreszeit der Hang zu wärmenden Spielchen aller Art.
(Quelle: ftd.de)
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