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Her mit der Kohle!

Köln, 01. Juli 2009

In mehreren deutschen Städten legten die Protestler vor zwei Wochen diverse Bankenfilialen lahm. Die Studenten und Schüler fordern mehr Geld für Bildung. Das eigentliche Problem ist jedoch die falsche Verteilung der Mittel.

Ende Juni: Es ist an einem Donnerstagabend kurz vor 18 Uhr, als rund 70 Schüler und Studenten die Berliner Filiale der Deutschen Bank an der Tauentzienstraße stürmen. Sie haben einen symbolischen Scheck dabei über 104 Mrd. Euro - so viel Geld fehlt ihrer Meinung nach im Bildungssystem. Der Filialleiter soll den Scheck unterschreiben, er weigert sich. Stattdessen ruft er die Polizei.

Ein paar Straßen weiter hatten sich am Nachmittag über 400 Leute vor der Niederlassung der Hypo Real Estate Bank versammelt und skandierten "Geld für Bildung statt für Banken" und "Wir zahlen nicht für eure Krise". In Frankfurt am Main legen Protestler den Geschäftsbetrieb der Deutschen Bank an der Konstablerwache lahm. Sie blockieren Eingang und Geldautomat mit Schildern, darauf ist zu lesen "Geschlossen! Wegen Gefährdung des Allgemeinwohls".
Auf den Straßen, in den Hochschulen und vor den Banken entlädt sich seit Beginn dieser Woche der Zorn von Schülern und Studenten über schlechte Lernbedingungen, über eine zu starke Verschulung des Bildungssystems - ob im achtjährigen Gymnasium oder im Bachelorstudium -, über zu wenig Geld und zu wenig Mitbestimmung. So breit, wie das Bündnis aufgestellt ist, so beliebig wirken die Themen. In einem sind sich alle jedoch einig: Sie wollen mehr Geld für Bildung.

Dabei haben sich Anfang Juni erst Bund und Länder auf drei milliardenschwere Pakte für die Wissenschaft geeinigt. Damit sollen zusätzliche Studienplätze geschaffen, die Exzellenzinitiative fortgesetzt und die Forschungsorganisationen stärker unterstützt werden. Von den insgesamt 18 Mrd. Euro sind 7,3 Mrd. Euro für zusätzliche Studienplätze veranschlagt, auch die Lehre soll verbessert werden - wie genau, sagt aber keiner.

Erst einmal geht es um einen rein quantitativen Ausbau des Hochschulsystems, um die doppelten Abiturjahrgänge abzufedern. Auch vom Konjunkturpaket II sollen Schulen und Hochschulen profitieren, in erster Linie geht es jedoch um die Bauten.

"Wichtig bei der Forderung nach mehr Geld ist, dass dieses auch wirklich in bessere Lehre und mehr Studienplätze fließt und nicht in Exzellenz- und Forschungsprojekte, von denen die Studenten nichts haben", sagt Karin Schneider, Studentin an der Freien Universität Berlin. Tatsächlich erfährt das Bildungssystem seit einigen Jahren grundlegende Umwälzungen: Finanziert wird stärker nach Leistung. Der Druck wächst, möglichst viel in kurzer Zeit zu lernen. Doch die Rahmenbedingungen dafür stimmen nicht.

Es gibt keine zusätzlichen Lehrer, die kleinere Klassen in acht Jahren zum Abitur führen. An den Schulen herrscht schon jetzt in vielen Fächern Lehrermangel. Nach einer aktuellen Berechnung des Essener Bildungsforschers Klaus Klemm müssen in den nächsten zehn Jahren 460.000 Lehrer ersetzt werden, es schließen aber jährlich nur rund 26.000 neue Lehrer ihr Studium ab.

Es gibt keine zusätzlichen Professoren, die Studenten in kleineren Kursen zum Bachelor führen. In den vergangenen zehn Jahren sind nahezu 1000 Professuren weggefallen, aktuell sind über 26.000 Stellen an Hochschulen unbesetzt.

Die Proteste stoßen daher allgemein auf Verständnis. Bei einer Aktuellen Stunde gestern im Bundestag fanden die Demonstranten bei allen Fraktionen Unterstützung.
Der Rektor der Uni München, Bernd Huber, solidarisierte sich mit seinen Studenten: An seiner Uni studieren 40.000 junge Menschen auf 25.000 Studienplätzen. "Es gibt zu wenig Professoren, der Zustand der Gebäude ist schlecht, und die Seminarräume sind überfüllt." Sich darüber zu ärgern sei "völlig legitim".

"Es ist eigentlich genug Geld im System", entgegnet Hans-Peter Klös, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), "aber wir haben definitiv eine Unterfinanzierung der Hochschullehre." Das liege, so Klös, auch daran, dass die Lehre zu 92 Prozent fest vom Staat finanziert wird, die Forschung jedoch nur zu 50 Prozent. Deshalb sei für Wissenschaftler der Anreiz viel höher, Drittmittel für die Forschung einzuwerben. Für ihre Studenten müssten sie sich nicht anstrengen, da fließe das Geld ja ohnehin vom Staat.

Ziel müsse sein, mehr Anreize für die Lehre zu schaffen, so Klös weiter. Das gelte auch für Schulen - Lehrer hätten keinerlei finanziellen Anreiz, ihren Unterrichts zu verbessern.
Eine mögliche Lösung: eine nachfrageorientierte Bildungsfinanzierung. Wenn jeder Schüler und jeder Student sich mit einem Gutschein, finanziert von dem Land, aus dem er kommt, an einer Schule oder Hochschule seiner Wahl einschreibt, dann entsteht für Bildungseinrichtungen ein Anreiz, möglichst viele gut ausgestattete Studienplätze zur Verfügung zu stellen. "Wir müssen das System umkehren", sagt Klös.

(Quelle: FTD.de)

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